Das Depot einmal anders betrachtet

Wie oft hat man nicht schon gelesen, gehört oder selbst von sich gegeben, dass Aktienanlage eine langfristige Sache ist? Und wie oft erwischt man sich dann doch dabei, über Bewegungen von 3% bei einer Aktie bei Verkündung der Quartalszahlen nachzudenken – wenn das bei einem langfristigen Engagement doch nebensächlich sein sollte?

Auf dass mein Depotwert bald so schön erblüht wie meine Zimmerpflanzen!

Es mag vielleicht auch manch einem anders gehen, aber bei mir ist es zu oft so. Insbesondere freue ich mich in einer guten Phase jedenTag über meine steigenden Aktienkurse. Das Problem ist, dass man dabei anfängt immer kurzfristiger zu denken:

Was sind die nächsten Kurstreiber? Wie lange dauert es, bis das Sparpaket sich in der Bilanz niederschlägt? Sollte ich verkaufen, weil die Kurse schon eine ganze Weile nach oben laufen?
Besser wäre stattdessen zu fragen: Ist die Ausrichtung und Vision noch plausibel? Macht das Management den Eindruck, dass es das Unternehmen auf einem nachhaltigen und profitablen Weg hält? Entwickeln sich die Renditen langfristig besser als bei der Konkurrenz? Steigt das Eigenkapital in einer befriedigenden Geschwindigkeit? Ist die Firma innovativ und unternehmerisch? Und ja, letztlich auch: Ist der aktuelle Preis noch angemessen?

Doch für genau diese Fragen ist die aktuelle Kursentwicklung in der Regel eher eine Ablenkung statt einer Hilfe. Man neigt dazu, am Ende des Jahres zu schauen wie viel die Aktien gestiegen sind – und kaum, wie viel der tatsächliche Unternehmenswert gestiegen ist.

Betrachte das Depot doch einmal anders!

Meine Idee hierzu: Wenn Aktien Unternehmensbeteiligungen sind, die langfristig an Wert gewinnen sollen – warum betrachten wir nicht einmal das Depot mit all seinen Beteiligungen wie ein einziges Unternehmen, und fassen alles zusammen?

Die Frage bei einem Aktienkauf wäre dann nicht mehr, wie weit der Kurs mittelfristig steigen kann. Die wichtigere Frage wäre, wie weit die Profitabilität, das zustehende Eigenkapital, die Ausschüttung und Wachstumsrate des konsolidierten Portfolios sich verändern würden. Man verkauft eine Aktie nicht, weil sie gestiegen oder gefallen ist – sondern weil man durch den Kauf einer besseren die gesamte Profitabilität oder Wachstumsrate steigern kann.
Schließlich könnte auch die Frage interessant sein: würde ich in ein Unternehmen mit den Kennzahlen meines gesamten Depots investieren, oder müsste daran zuerst noch etwas verbessert werden?

Einige Kennzahlen sind hier natürlich besser geeignet als andere – so fallen zum Beispiel die Umsatzrenditen je nach Branche sehr unterschiedlich aus und sind daher nur schlecht geeignet. Gewinne, Kapitalrenditen oder Verschuldung hingegen halte ich für sinnvolle Vergleichskriterien. Die Aufstellung ist einfach:
Für jede Aktie wird die entsprechende Kennziffer des Unternehmens durch die Anzahl der Aktien geteilt, um den Wert je Aktie zu ermitteln. Anschließend kann man diesen mit der Anzahl der eigenen Aktien multiplizieren und schließlich alles zusammenzählen.

Beispiel: mein Musterdepot

Um das ganze plastischer zu machen, möchte ich diese Idee Anhand meines auch hier verlinkten Wikifolios vorrechnen. Das ist zwar nicht ganz genau das gleiche wie mein privates Depot, aber weitgehend vergleichbar.

Dieses enthält (Stand 30.05.2015) folgende Positionen:

Unternehmen Anzahl gehaltener Aktien
Aareal Bank 250
Bavaria Industries 300
Deutsche Bank 300
IBM 70
IVU Traffic Technologies 3333
Müller Lila Logistik 1500
Oracle 250
Sixt Vorzüge 400
Société Générale 100
Steico 800
Cash 14730

Nun kommt die eigentliche Arbeit: Die Daten je Aktie müssen zusammengetragen werden:

Firma Buchwert/Aktie ’13 Gewinn/Aktie ’13 Buchwert/Aktie ’14 Gewinn/Aktie ’14
Aareal Bank 31,88 1,55 36,44 4,78
Bavaria Industries (Konzern) 27,97 14,96 30,02 1,14
Deutsche Bank 50,80 0,62 49,32 1,31
IBM 21,75 15,30 12,12 15,59
IVU 1,84 0,22 2,04 0,25
Müller Logistik 3,66 0,42 3,67 0,38
Oracle 9,47 2,29 10,48 2,42
Sixt Vz 14,06 1,99 15,43 2,30
Société Générale 63,20 2,23 68,53 2,93
Steico 7,92 0,38 8,05 0,46

Da ich einen Teil der Aktien (und auch das Wikifolio) noch nicht so lange habe, nehme ich einfach die Daten zum Vergleich und tue so, als ob ich es schon gehabt hätte. Was ergibt sich dann?

Buchwert 2013 Gewinn 2013 Buchwert 2014 Gewinn 2014
Gesamtwert 65393 9391 68150 6610

Kurz gesagt: Ich hätte im Moment einen Buchwert der gehaltenen Firmen von 68150€ zuzüglich des Cashanteils von 14730 also einen Buchwert meines konsolidierten Portfolios von 82.880€, bei einem Startkapital von 100.000 € – bei den momentanen Kursen an der Börse nicht teuer. Der Gewinn wäre von 2013 auf 2014 deutlich gefallen, was aber an dem positiven Ausreißer von Bavaria in 2013 liegt. Ansonsten entspricht der Gewinn einer Eigenkapitalrendite von 9,7% innerhalb der Firmen, wenn man den Cash dazuzählt „nur“ 8%. Die Rendite zum aktuellen Marktwert beträgt nur 6%. Vor allem die Banken sowie Steico haben hier noch großes Potential zur Verbesserung – tragen dafür aber zu dem günstigen KBV bei.

Die Frage ist nun: wie steigere ich den Buchwert am schnellsten? Wenn ich sehr langfristig denke und nicht regelmäßig umschichte, müsste ich auf profitablere Firmen setzen um die Rendite zu erhöhen. Auf der anderen Seite könnte ich abwarten, bis die Firmen (vor allem die Banken) höher bewertet werden und dann mit einem Verkauf „stille Reserven“ heben. Oder ich suche gezielt nach Unternehmen die unter Buchwert gehandelt werden und investiere in diese. Vor allem aber muss ich mich darauf konzentrieren, Unternehmen mit hohen und steigenden Gewinnen zu finden, die den Wert von allein erhöhen.

Ich bin gespannt wie es weitergeht – mit hoher Wahrscheinlichkeit werde ich immer wieder Unternehmen austauschen. Mein Maßstab soll aber sein, mich langfristig nicht an der Entwicklung des Börsenwertes zu messen, sondern an der Entwicklung der gehaltenen Firmen und der damit besessenen Werte. Ich verspreche im nächsten Jahr einen entsprechenden Vergleich anzustellen und die Entwicklung anzuschauen – und wenn möglich dann in diesem Wikifolio einen Buchwert von mehr als 90000 ausweisen zu können oder zumindest den Gewinn um 10-20 % gesteigert zu haben (falls ich den Cash dann komplett investiert habe)

3 Gedanken zu „Das Depot einmal anders betrachtet

  1. Hallo Tobi, vielen Dank für diesen interessanten und gut verständlichen Beitrag. Ich versuche mein Aktiendepot wie ein kleines, breit gestreutes Beteiligungsunternehmen zu betrachten, das Dividendeneinkünfte abwirft. An die Berechnung von Buchwerten und Gewinnen für das Gesamtdepot habe ich aber bisher nicht gedacht, das ist ein hilfreicher, wertorientierter Ansatz. Dein Blog bringt einen echten Mehrwert für mich.
    Gruß vom Armen Charlie

  2. Hallo, bin erst jetzt auf diesen interessanten Artikel gestossen!

    Also: wenn Du den Buchwert deines Depots langfristig und nachhaltig steigern willst, dann solltest Du Aktien meiden, die das nicht schaffen, auch wenn sie „vermeintlich“ billig sind. Bestes Beispiel in deinem Depot: Deutsche Bank. Das ist eher ein Wertvernichter. Schaue Dir mal die Buchwertdaten an: http://www.ariva.de/deutsche_bank-aktie/bilanz-guv oder die langfristige Entwicklung seit 1999: http://www.ariva.de/fundamentaldaten/kompakt.m?secu=301
    Zwar könnte der Kurs mal einen Sprung nach oben machen bei erfreulichen News, aber ich denke als Value-Investor setzt man besser darauf, dass der Unternehmenswert langfristig steigt. Der an der Börse gezahlte Preis wird das irgendwann reflektieren. Lieber eine gut geführte Bank zu einem fairen Preis kaufen, als eine Deutsche Bank zum vermeintlichen Schnäppchenpreis (frei nach einem Warren Buffet Zitat).

    Covacoro

    1. Hey Danke! Bei Gelegenheit werd ich mir auch mal deinen Blog zu Gemüte führen. 😉

      Prinzipiell stimme ich dir zu, dass die Deutsche Bank sich da in den letzten Jahren nicht gerade hervorgetan hat. Und ich weiß auch sehr gut, dass eine Firma mit ordentlichem Wachstum ihren Buchwert in 5-10 Jahren von alleine verdoppelt hat, und entsprechend günstiger aussieht. Aber in dem Fall muss man auch sehen, dass die gesamte Branche in den letzten Jahren so schlecht performt hat, und sich nun langsam aus dem Tief rausarbeitet. Die wichtigen Fragen sind also vor allem:
      Sind neue Kapitalerhöhungen fällig? (ich denke eher nicht)
      Drohen größere Abschreibungen auf Buchwerte? (halte nach der ausgestandenen Krise eine Zeit lang für recht unwahrscheinlich)
      Werden die Strafzahlungen und Prozesse von Sonderpositionen zu regelmäßigen Belastungen? (sollte meiner Meinung nach in den nächsten 2 Jahren auslaufen)
      Ansonsten, in ihrem Kerngeschäft ist die Deutsche Bank ja durchaus profitabel, wenn auch nicht überragend. Da aber gerade die kleinen Sparkassen und Genossenschafsbanken, die den deutschen Markt in weiten Teilen bestimmen, mit der Digitalisierung immer mehr Probleme bekommen und sich international etliche Institute vom Investmentbanking verabschieden, sollte der Wettbewerbsdruck nicht so schnell steigen. Sobald die Strafzahlungen wegfallen, wird der Blick stärker auf die eigentlichen Erträge gelenkt, die bei den Banken zwar auch durch die Zinsen unter Druck stehen, aber genauso von einer Zinswende profitieren würden.
      Abgesehen davon ist für Finanztitel der Buchwert immer eine sehr wichtige Messgröße. Banken zum halben Buchwert zu kaufen, sofern sie nicht von Abschreibungen und faulen Kreditenbedroht sind, kann daher nicht zu falsch sein. Zumal: Wenn man zum halben Buchwert kauft, dann bekommt man selbst bei 5% Eigenkapitalrendite eine Rendite auf die Investitionssumme von 10%.

      Ich bin nach wie vor gespannt, wie sich das ganze entwickelt. Wenn ich hier einen Fehler gemacht haben sollte, werde ich in Zukunft vielleicht anders handeln. Sollte die Bewertung aber schnell bis zum Buchwert ansteigen, dann würde ich die sicherlich aber auch in irgendeinen anderen Wert tauschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.