Die Unterscheidung von Investition und Spekulation

Jeder, ob er von der Börse Ahnung hat oder nicht, dürfte schon die Worte Investition und Spekulation gehört haben. Allgemein wird Spekulation als schändlich und Investition als solide angesehen, und fast alle Aktienbesitzer würden sich als Investoren bezeichnen und wären beleidigt wenn man sie als Spekulant bezeichnet. Allerdings ist der Übergang nicht ganz klar,  und aus der Unterscheidung kann man meiner Meinung auch eine wichtige Lektion lernen. Definieren wir also einmal Spekulation und Investition, um uns über die Begriffe klar zu werden.

Das lateinische Wort speculor bedeutet (umher)spähen. Daraus wurde das Wort spekulieren abgeleitet, um den Versuch die Zukunft zu erkennen oder vorherzusagen zu bezeichnen – wer spekuliert, der versucht also zukünftige Entwicklungen vorwegzunehmen und sich natürlich darauf einzustellen, im Leben wie auch an der Börse. Daran ist nichts verwerflich – im Gegenteil gehört es zu den volkswirtschaftlich wichtigsten Aufgaben der Börse, dass damit auch Unternehmen mit neuen, möglicherweise noch nicht marktreifen Technologien Kapital sammeln können, um die Technik voranzubringen und eine Produktion aufzubauen. Wer weiß ob wir günstige Internetflats und schnelle Laptops hätten, wenn nicht immer wieder Spekulanten Geld in entsprechende Firmen gesteckt hätten! Allerdings birgt Spekulation eine riesige Gefahr: Für den absoluten Großteil der Menschen ist es fast unmöglich, die Zukunft besser abzuschätzen als die meisten anderen. Insbesondere muss man das für die Kleinanleger am Kapitalmarkt annehmen, die dabei mit hauptberuflichen Fondsmanagern konkurrieren. Wie könnte ich so vermessen sein, zu denken ich sei schlauer als diese ganzen anderen? Abgesehen von den psychologischen Fallen am Aktienmarkt, zu denen ich sicher noch öfters mal was schreiben werde.

Zum Glück gibt es noch eine zweite Strategie: anstatt die Zukunft möglichst gut vorherzusagen, versucht man das gegenwärtig sichtbare möglichst gut einzuschätzen. Dann bewertet man eine Aktie weniger nach den (erfahrungsgemäß kaum vorhersehbaren) zukünftigen Preisen als vielmehr nach dem aktuellen Wert und der zumindest manchmal besser vorhersehbaren zukünftigen Wertentwicklung. Da man Firmen aber normalerweise nicht direkt liquidiert, alles verkauft und sich den Erlös als Dividende ausschütten lässt, kommt man nicht darum herum, den finanziellen Wert einer Aktie/Firma als Summe der zukünftigen Ausschüttungen zu definieren. (Andere Faktoren wie Einfluss/Macht oder auch Sentimentalität spielen eher selten eine Rolle, deswegen lasse ich sie mal weg). Bei dieser Definition sind wir aber fast zum spekulieren gezwungen – wie definieren wir also eine solide Investition?

Benjamin Graham, der oft als Vater des Value Investing angesehen wird, widmet in seinem Buch „The Intelligent Investor“ das erste Kapitel dieser Unterscheidung von Investition und Spekulation. Er definiert

„An investment operation is one which, upon thorough analysis promises safety of principal and an adequate return. Operations not meeting these requirements are speculative.“

Er definiert also das Investieren als eine Handlung, die nach gründlicher Prüfung sowohl eine hohe Sicherheit als auch eine angemessene Rückzahlung erwarten lässt. Spekulation ist dann also das, was diese Sicherheit vermissen lässt.
Ich persönlich finde es trotzdem wichtig, sich (wie oben beschrieben) klar zu machen, dass auch dieses Investieren seine spekulative Komponente hat, da es sich immer auf die Erlöse in Zukunft bezieht. Das wichtige ist nur, dass man dabei immer auf die Sicherheit der erwarteten Einkünfte schaut. Wenn ich zum Beispiel ein Wohnhaus im Zentrum von New York besitze ist es keine gewagte Prognose, auch für die nächsten 50 Jahre halbwegs stabile Mieteinnahmen vorherzusagen – einfach weil Wohnraum ein Grundbedürfnis ist und auch in 50 Jahren noch nachgefragt werden wird. Wenn ich aber damit rechne, dass ich das Haus in 5 Jahren zum doppelten Preis verkaufen kann, und deshalb alles mit Kredit finanziere, dann spekuliere ich – woher sollte ich sicher sein dass die Preise nicht auch mal sinken?

Ähnlich bei den Aktien: es ist leicht zu erwarten, dass Nestle auch in 10 Jahren ein großer weltweit tätiger Nahrungskonzern ist, aber ob Samsung dann immer noch größter Handyproduzent ist und nicht wie Nokia abschmiert? Aus genau diesem Grund ist es gerechtfertigt, zyklische Branchen und Technologieaktien geringer zu bewerten. Mit angemessener Sicherheit können wir bei Samsung vielleicht 5-10 Jahre gute Profite vorhersagen, bei Konsumgüterherstellern mit starken Marken fällt es dagegen leichter auch für längere Zeit die Profite gesichert zu sehen.

Trotzdem kann meiner Meinung nach auch eine Technologieaktie eine solide Investition sein – vorausgesetzt dass ihr Preis niedrig genug ist um einen entsprechenden Unternehmensgewinn und -wert bereits in absehbarer und voraussehbarer Zeit sicher zu prognostizieren. Wenn man nun Aktien betrachtet, über deren Wert man unsicher ist, so muss man unbedingt einen starken Abschlag auf den kalkulierten Wert vornehmen. Der normale Anleger tut dies aber nicht, sobald große Versprechungen ihn blenden – weshalb Technologieaktien regelmäßig in sich zusammenstürzen.
Ich muss zugeben, dass es mir ähnlich geht – ich nehme lieber mehr Risiko, und freue mich dann über hohe Renditeversprechen die ich eigentlich nicht realistisch einschätzen kann. Umso mehr sollte man selbst darauf achten, dass Zukunftsprognosen unsicher und oft von Unternehmensseite geschönt sind, um nicht versehentlich in die Spekulation abzurutschen und sein Geld zu verlieren.

Zum Schluss noch ein schönes Zitat des alten Perikles, mit dem mich die Sparkasse auf einer Geburtstagkarte überrascht hat:

Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein.

Perikles, ca. 500-429 v. Chr.

Eins der größten Probleme der Spekulation wird hier deutlich: je sicherer man sich über die Zukunft ist, desto stärker stellt man sich darauf ein und vernachlässigt dabei, sich auch auf alternative Ereignisse in der Zukunft einzustellen. Eine gute Investition dagegen versucht gar nicht erst sich auf einen bestimmten Verlauf der Zukunft zu beziehen, sondern in allen möglichen Situationen der Zukunft zumindest solide Ergebnisse und Einkommen zu erzielen. Der Erfolg der Value-Strategie beruht meiner Meinung nach unter anderem darauf, dass Menschen an der Börse regelmäßig diese Unsicherheiten ausblenden oder unterschätzen. Wenn man daher sicheren Wert kauft, also weiß dass der gezahlte Preis sicher nicht zu teuer war, umgeht man diesen Fehler. Genauso trägt die Sicherheitsmarge dazu bei, die daher umso höher sein sollte, je mehr man bei der Analyse auf Unsicherheit stößt.

Soweit also zusammengefasst der Gedanke: Investition bedeutet sichere Kapitalrückflüsse, Spekulation unsichere aber möglicherweise höhere. Dass das eine überlegen ist, ist kein Naturgesetz – je mehr Leute sichere Aktien kaufen, desto höher deren Preis und desto niedriger die Rendite. Dank der menschlichen Psyche stellt sich aber gerade die sichere Investition als langfristig gewinnbringender in der Praxis dar. Mein Fazit: Ich sollte versuchen, so weit es geht, mir klar zu machen wo meine Zukunftsannahmen besonders unsicher sind nur dort mein Geld anlegen, wo das Chance-Risiko-Profil sicher zu meinen Gunsten steht.

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