Brexit – was heißt das für die Realwirtschaft?

Dass die Briten Ende letzter Woche in einem unverbindlichen Referendum für den Austritt aus der EU gestimmt haben ist aus politischer Sicht und mit Blick auf den europäischen Einigungsgedanken äußerst bedauerlich. Was das ganze für die Wirtschaft bedeutet ist erst einmal auch nicht klar, wenn die Börse aber wenigstens halbwegs als Indikator taugt dann nichts Gutes.

Ich verstehe mich als langfristiger Investor und habe die letzten Monate kaum etwas an meinem Aktienportfolio geändert – einerseits bin ich aus privaten Gründen nicht gründlich zum analysieren gekommen, andererseits sind die wirklich guten Gelegenheiten bei den allgemein recht hohen Aktienbewertungen nur schwer hier zu finden.

Umso mehr stellt sich die Frage: Was bedeutet der Brexit für die reale Wirtschaft? Wo ist es gerechtfertigt, dass die Kurse einbrechen, und wo kann man getrost die Chance zum Nachkaufen nutzen?Ich habe natürlich auch nicht die perfekte Antwort, aber niederschreiben der eigenen Gedanken hilft ja schon einiges. Einige Thesen habe ich durchaus:

Der Brexit (für GB) wird spürbar sein

Erstens: Der Brexit wird mit einiger Sicherheit nicht spurenlos und ohne Probleme an der Wirtschaft vorbeigehen. Eine gewisse Abwertung des britischen Pfund und ein sinken der Bewertungen einiger betroffener Unternehmen ist daher unvermeidlich und bei geringem Ausmaß keine “Einstiegsgelegenheit”.

Warum? Die Wirtschaft eines Landes beruht auf verschiedenen Säulen, meistens eingeteilt in private und öffentliche Investitionen, Dienstleistungen, Konsum, Industrie …
Ein Teil, der mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schon unter der Androhung eines Brexit erheblich leiden wird sind dabei die privaten Investitionen. Dabei geht es weniger um den Familienvater der ein neues Reihenhaus baut, sondern eher um internationale Investoren auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten.
Wenn diese Investoren ein unsicheres Umfeld mit möglicherweise versperrten Zugängen zu großen Teilen des europäischen Marktes vorfinden, werden sie ihre Investitionen verschieben. Das kann zeitlich sein – abwarten bis es Klarheit gibt – oder räumlich. Denn was hat es außer der Sprache für einen Nachteil, die neue Fabrik in Frankreich oder Irland statt in England zu errichten?
Die Investoren haben in Bezug auf Großbritannien aber einen weiteren Grund um Investitionen doppelt zu prüfen: sollte wirklich ein Einbruch der Konjunktur drohen muss man sich vorbereiten.

Banken werden abwandern – Steuern werden sinken

Ein Grund für eine mögliche Konjunkturabkühlung ist der Bankensektor. In diesem interessanten Papier der Bank of England wird beschrieben, wie der Bankensektor in GB so groß werden konnte und was ihn auszeichnet. Fazit: der britische Bankensektor ist vor allem deshalb so groß, weil er so extrem international ist.
Nun können aber die Banken ihre Geschäfte in Europa nur deshalb so schön auf London konzentrieren, weil sie damit in der EU ihren Sitz haben. Viele Dienstleistungen lassen sich sicher auch weiter aus London anbieten und bearbeiten, aber einige wesentliche Teile werden die Banken schon aus regulatorischen Gründen nach Frankfurt, Brüssel, Dublin, Paris, Mailand oder sonst wo in der EU verlagern müssen. Dann kann es schnell passieren, dass auch teilweise noch weitere Abteilungen umziehen und der Finanzplatz London seine Bedeutung verliert. Da die Bruttowertschöpfung des Finanzsektors in GB bei über 8% (nach den Zahlen oben verlinkter Studie) lag, würde ein Teilabzug dieser Wertschöpfung England hart treffen. Es würden nicht nur Arbeitsplätze in den Banken, sondern auch im Umfeld wegfallen, zusätzlich gäbe es wohl Weniger Steuern.


Großbritannien importiert derzeit Kapital, hat also in anderen Worten ein gesamtwirtschaftliches Leistungsbilanzdefizit. Eine solches geht ohnehin häufig mit schwachen Wechselkursen einher, die normalerweise das ganze irgendwann automatisch stabilisieren. Die Importe werden teurer, die Exporte wettbewerbsfähiger, die Binnenwirtschaft dadurch relativ gestärkt. Sollten die Steuereinnahmen wirklich sinken, dann müsste die Verschuldung noch ein großes Stück weitersteigen. Irgendwann stößt das aber an seine Grenzen – und wenn der Staat dann auch sparen muss oder Inflation erzeugt, dann geht es mit der Realwirtschaft bergab…

Natürlich muss noch verhandelt werden, wie die Marktzugänge gegenseitig geregelt werden. Aus politischen Gründen kann ich mir aber nicht vorstellen, dass die EU in Zeiten scharfer Bankenregulierung und nationaler Interessen gerade die englischen Banken schont – im Gegenteil.

Branchen werden unterschiedlich getroffen werden

Anders sieht es bei gewissen anderen Branchen aus. Easyjet-Aktien sind etwa stark eingebrochen, seit der Brexit ansteht. Das Geschäft beruht einerseits auf der Reisefreiheit gerade von England in die anderen Staaten der EU, aber auch zwischen verschiedenen Standorten in der EU gibt es ein großes Streckennetz. Im schlimmsten Fall müsste Easyjet bei einem Austritt den Geschäftssitz verlegen oder zumindest teilweise auf Strecken verzichten. Ich glaube aber dass es in diesem Fall einfacher ist, einzelne Landesgesellschaften formell auszugliedern und der Schaden daher in Grenzen gehalten werden kann.

Ähnlich werden sich Banken sicher einigermaßen flexibel zeigen können, auch die Industrie kann sich an den Austritt schnell anpassen – auch die Industrie in der Schweiz kommt ja gut ohne EU-Mitgliedschaft aus.

Probleme könnte es aber massiv für die Immobilien- und Bauwirtschaft geben (und im Extremfall kann auch das wieder auf britische Banken durchschlagen). Wer ein Haus in London hat, kann es eben nicht einfach auslagern. Der Markt wurde lange geprägt von den steigenden Einwohnerzahlen, vermögenden Privatpersonen und stetig steigende Preise für Immobilien. Es würde mich nicht wundern, wenn sich am Markt einige verspekuliert haben. Und was Kreditkrisen mit Ausgang vom Immobilienmarkt auslösen können ist ja bekannt… (und zugleich halte ich es für übertrieben davor Angst zu haben, man sollte das Szenario nur eben im Kopf haben). Dazu würde ein fallen der Preise womöglich auch einen Rückgang der Bautätigkeit bedeuten.

Für Deutschland wird sich eher wenig ändern

Deutschland ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Handelspartner der Briten und andersrum genauso. Es gibt sicherlich einige Unternehmen, die besonders betroffen sind. Auch als die Russland-Sanktionen beschlossen wurden, meldeten etliche Unternehmen gerade mit Blick auf Osteuroppa und Russland eine schlechtere Geschäftsentwicklung. Für die meisten war der Unterschied dagegen kaum bemerkbar.

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass das Bankensystem insgesamt ins Wanken gerät wie in der Finanzkrise – aus diesem Grund denke ich, dass deutsche Banken kaum betroffen sein dürften. Die Fusionspläne der Deutschen und Londoner Börse könnten gefährdet sein. Aber Hypoport hat (zu recht) eine Meldung herausgegeben, dass sie trotz Brexit mit unverändert hoher Immobiliennachfrage in Deutschland rechnen. Konzerne wie Linde, Fresenius, BASF und Co sind ohnehin so international, dass es keinen Unterschied macht wenn eine kleine Region schwächelt. Außer wenn die britische Konjunktur in eine echte Rezession verfällt wird sich vermutlich auch für die (in der aktuellen Unsicherheit stark abgestraften)  Autoindustrie nicht viel verändern.

Kann man sich darüber sicher sein? Nein. Aber ich denke es ist wichtig einen kühlen Kopf zu bewahren. Aktien sind in der westlichen Welt allgemein recht hoch bewertet, und die Gewinne steigen bei den meisten Firmen immer langsamer. Unabhängig vom Brexit gibt es daher keinen Druck, gerade jetzt jeden 5%-Rücksetzer mitzunehmen. Falls es dagegen weiter zu Verlusten an den Börsen kommt (angesichts recht hoher Bewertungen selbst ohne Brexit eine realistische Möglichkeit) werden Qualitätswerte vielleicht bald wieder zu attraktiveren Preisen unter ihrem eigentlichen Wert angeboten. Bis dahin: frohes investieren mit kühlem Kopf!

4 Gedanken zu „Brexit – was heißt das für die Realwirtschaft?

  1. Hallo!

    Ein nüchterner solider Artikel. Im Gegensatz zu den meisten Medien, die den Brexit maximal ausschlachten um gehört zu werden.

    Ob der Brexit allerdings im Hinblick auf die europäische Einigung bedauerlich ist?

    Es sollte eher die Frage gestellt werden: Was läuft in der EU falsch, dass ein so weltoffenes Land -letzter Verfechter freier Märkte in Europa- sich zu solch einem Schritt entschließt? Trotz kurzfristiger Schmerzen. Ähnlich wie es schon die Schweiz praktiziert hat, als sie sich von der Eurobindung löste.

    Oder sind die einfach alle blöder als wir? Wie es tatsächlich einige deutsche Medien in peinlichster arroganter Art und Weise angedeutet haben.

    Im jetzigen Umfeld in Aktien zu investieren muss in meinen Augen sehr gut überlegt werden. Wie du schon bemerkt hast, sind die Kurse durch die Bank auf hohem Niveau. Ein Schnäppchen macht hier keiner mehr und die Aussicht auf neue klare Höchststände ist, gerade in Europa, gering.

    Wo investiert Buffett aktuell, weisst du das?

  2. Toller Einblick. Erschreckend wie schnell so ein Thema schon wieder von der Bildfläche verschwunden ist. Gefühlt hat sich nichts verändert. Hast du damals für dich Korrekturen vorgenommen? Ich habe an meinem Depot nichts verändert und es nicht bereut.

    1. Hi, ich habe ein wenig später im Wikifolio ein wenig in die geprügelten Fluggesellschaften investiert – aber nicht wirklich wegen dem Brexit. In der Regel sollte man ohnehin nicht in solchen Situationen unüberlegt handeln – deshalb auch der Artikel 😉

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