Bilanz-Schnäppchen bei Aktien – eine fast sichere Sache

Es gibt Strategien in der Aktienanlage, die funktionieren einfach. Oft kann niemand genau erklären warum genau, aber man hat irgendwo eine Statistik, die eine kleine Überrendite zeigt.

Es gibt noch viel mehr Strategien, die klingen sehr logisch. Oder manchmal einfach so kompliziert, dass niemand sie versteht, aber der Urheber für sehr intelligent gehalten wird. Oft werden hier Backtests angeführt, die aber einem Test in der Praxis oder Gegenwart nicht standhalten. Oder das Konzept funktioniert eine Weile, dann haben es alle antizipiert. Beispiel: im Dezember kleine Wachstumswerte kaufen, bevor die Fonds zur Jahresabrechnung umschichten und in der Auswertung zeigen wollen dass sie die auch haben, soll mal ganz gut funktioniert haben.

Die Strategie, die ich hier vorstellen will ist anders: Sie hat eine bestechend einfache Logik und sie hat seit vielen Jahrzehnten nachweisbar funktioniert. Ben Graham beschreibt in Kapitel 15 vom Intelligent Investor diese Strategie als eine von vier Kategorien, in denen er über die Jahre investiert hat – während er andere Strategien nach Überprüfung wieder verwarf. Seine vier Kategorien nennt er Arbitrage, Liquidation, Related Hedges, Net-Current-Asset/Bargain Issues. Die letzte davon ist die, um die es hier gehen soll. Oft findet man diese Srategie auch unter Namen wie Net-Net oder Cigar-Butt (Zigarrenstummel: von anderen weggeworfen holt sich der Geizhals aus jedem ein paar Züge – da er sie kostenlos bekommt ist es ihm das wert) oder ähnlichem. Ich will sie hier einfach Schnäppchen-Aktien nennen, um den englischen Begriff zu ersetzen. Einen wirklich guten deutschen Begriff dazu kenne ich auch nicht.

Definition

Was genau verstehen wir unter einer solchen Bilanz-Schnäppchen-Aktie?
Allgemein würde ich sagen: Eine Aktie, die wesentlich unter ihrem geschätzten Liquidationswert gehandelt wird. Diesen Wert zu schätzen ist natürlich schwierig bis als Außenstehender unmöglich, aus der Bilanz kann man aber gute Näherungswerte ableiten. Ben Grahams Ansatz war folgender: man nehme das Umlaufvermögen und das Geld und ziehe sämtliche Verbindlichkeiten ab. Alles Anlagevermögen wird pauschal mit 0 bewertet, genauso Markennamen, Patente etc. Die Forderung war dann, dass die Aktie mindestens 30% günstiger zu bekommen ist. So etwas ist inzwischen (auch wegen der gerade im englischsprachigen Raum sehr guten Informationslage online) wesentlich seltener als damals, kommt aber gelegentlich tatsächlich vor.

Wer es einfach mag, sollte sich daran halten – ich würde trotzdem eine gewisse Anpassung vornehmen und eine kompliziertere, manchmal genauere Rechnung aufstellen:

Die Grundidee ist ja, eine schnelle untere Schranke für den Wert des Unternehmens zu finden. Daher würde ich sicher liquidierbare Vermögenswerte wie gute Immobilien, sofern man sie als sicher werthaltig einschätzen kann, mit einem 50% Abschlag mit in die Rechnung aufnehmen. Das gilt aber explizit nicht für irgendwo im grünen liegende Fabrikhallen, eher für innerstädtische Bauten und Grundstücke!
Bei Industrien, wo anderes Anlagevermögen zusätzlich als verkäuflich einzuschätzen ist, kann dieses ebenfalls angerechnet werden. (Ein Logistiker wird seine LKWs bei genügend Rabatt wahrscheinlich schnell verkaufen können, auch wenn sie nicht Umlaufvermögen sind. Dagegen wird eine unrentable Stahlfabrik ihren Hochofen nicht so einfach los, da der kaum zu transportieren ist).
Zusätzlich würde ich aber an anderer Stelle, nämlich bei Forderungen, ebenfalls Abschläge vornehmen. Bei Unternehmen in Griechenland momentan sogar auf das Bankguthaben! (das ja in der Regel eine Forderung – gegen eine Geschäftsbank – darstellt und daher Ausfallrisiko trägt). Je nach Situation der Gläubiger kann man 10-30% abziehen. Dazu sollte man schauen, wie die Situation bei Vorräten und fertigen Erzeugnissen aussieht – der Fahrradbauer MIFA ist zum Beispiel genau über eine enorme Abschreibung auf diese in die großen Probleme gekommen.

Schulden sind dagegen immer komplett abzuziehen, denn nur der Netto-Wert bringt dem Aktionär etwas. Zu hohe Schulden sind aber ohnehin eines der Ausschlusskriterien. (dazu später mehr)

Kurz: Wenn eine Aktie unter 80% des so berechneten Netto-Wertes liegt, würde ich sie in die Kategorie der Bilanz-Schnäppchen einordnen.

Begründung des Erfolgs

Die Strategie funktioniert, richtig umgesetzt, nachweislich seit langer Zeit sehr gut, nur dass es sehr selten solche lohnenden Fälle gibt. Darüber hinaus sind die Firmen, in denen solche Bewertungen auftreten, in der Regel sehr klein – für die meisten institutionellen Anleger ist diese Strategie also nicht umsetzbar. Ausnahmsweise mal ein Vorteil für Kleinanleger.

Warum funktioniert die Strategie so gut?

Weil hinter den Aktien ja reelle Werte stehen. Angenommen, auf dem Markt würde jemand Koffer mit 100€ gefüllt verkaufen. Man sollte erwarten, dass diese zu 100€ + Wert des Koffers gehandelt werden. Bekommt man sie in seltenen Fällen direkt für 100€, dann könnte man das Geld rausholen, den Koffer als Geschenk dazu nehmen oder für 20 € weiterverkaufen und hat deutlichen Gewinn gemacht. Genauso sind diese Aktien – nur dass man nicht so einfach an die 100 € rankommt. Möglicherweise sind die auch nur in Form von Waren enthalten, die man einzeln losschlagen muss. Oder es ist ein Schloss dran, für das man kein passendes Werkzeug zum knacken hat.

Aber auch dann kann man bei einem guten Preis zuschlagen – und anschließend jemanden suchen, der das Werkzeug für dieses Schloss hat und einen entsprechenden Preis für den Inhalt zu zahlen bereit ist. Bei einer Aktie könnte das ein Großinvestor sein, der genug Aktien kauft um eine Liquidierung zu erzwingen und das Vermögen auszuschütten – als Kleinanleger geht das natürlich nicht so einfach.

Da die Aktie aber mit Sicherheit allein wegen der Vermögenswerte die sie schnell in Geld umwandeln kann ihren inneren Wert behält, kann sie kaum noch viel weiter fallen. Und bekannterweise ist eine der wichtigsten Anlageregeln: Verliere kein Geld! Wo ist das besser umzusetzen als hier?

Eine Warnung: eine Aktie rutscht nur in Ausnahmefällen so tief ab. Und in allgemein schlechten Marktphasen kommt es wesentlich öfter vor. Die Schnäppchenaktien sind also keine schönen Unternehmen mit Wettbewerbsvorteil, makelloser Führung, hohen Renditen und großartigen Produkten, sondern das genaue Gegenteil. Auf das Bild mit dem Koffer bezogen: möglicherweise klemmt nicht nur das Schloss, sondern der Koffer ist alt, hässlich, stinkt, eine Rolle ist ab und der Verkäufer sieht aus als ob er dir auch seine Mutter verscheuern würde…

Ausschlusskriterien und Risiken!

Da wie gesagt die Schnäppchen nicht immer gut aussehen (und viele es genau wie die Schnäppchen vom Trödelmarkt auch nicht sind), ist es extrem wichtig nciht auf die falschen hereinzufallen. Daher hier eine kleine Liste von einfachen Ausschlusskriterien für Aktien, die man auch zu sehr günstigen Preisen nicht kaufen sollte.

  • China-Werte: Vor ein paar Jahren gingen in westlichen Ländern, auch Deutschland, chinesische Unternehmen an die Börse um sich Kapital zu beschaffen. Beispiele in Deutschland sind  Ultrasonic, King Hero, Youbisheng, Asian Bamboo, Ming le Sport… Inzwischen stellte sich heraus, dass bei etlichen die Bilanzen und Zahlen wohl gefälscht waren, es gibt abenteuerliche Geschichten von plötzlich abtauchenden Geschäftsleuten und Geld, das die deutsche Holding von der eigentlichen chinesichen Firma nicht mehr eintreiben kann – lest zur Ultrasonic mal was Daniel bei Bargain geschrieben hat.
    Da die chinesischen Firmen sich durch Täuschung der Anleger hervorgetan haben, waren die günstigen Zahlen einfach erfunden. FINGER WEG!
  • Kein Vertrauen in die Bilanz: Wenn man den Zahlen nicht vertraut, gilt das gleiche für andere Aktien. Bei Mox Telecom bin ich einer solchen Illusion aufgesessen, obwohl formal sogar korrekte Zahlen veröffentlicht wurden – man die Probleme aber nur bei genauem Hinsehen erkannte. Man erkannte aber schon eher, dass es in der Vergangenheit Probleme gab (da waren Dokumente “bei einem Brand in Dubai” abhanden gekommen, die über 10 Mio€ gingen – so so etwas passiert sind die Zahlen mit extremer Vorsicht zu genießen!
  • Kein Vertrauen in die Geschäftsleitung: Ist die Geschäftsleitung nicht vertrauenswürdig, muss man etwa befüchten dass sie das Geld an eine andere von ihr komplett kontrollierte Firma verschiebt sollte man die Firma sofort vergessen. (Bernd Förtsch würde mir z.B. Sorgen machen). Das zu entscheiden ist natürlich nicht leicht.
  • Minen-Exploration u.ä.: Ist in Deutschland eher nicht das Problem, aber auf einem amerikanischen Blog habe ich gefunden, dass fast alle dortigen net-net-stocks solche Firmen sind, die nach Rohstoffvorkommen suchen. Oder vielleicht mal Biotech-Unternehmen mit laufender Forschung, aber ohne Produkt. Das Problem ist hier, dass die freien Mittel für die laufende Geschäftstätigkeit benötigt werden, diese aber von ihrer Natur her kaum Einnahmen bringt. Absehbar wird also das Kapital verbraucht (außer wenn man Glück hat und tatsächlich die richtige Mine oder das richtige Molekül entdeckt), und da ist nichts was für den Anleger übrig bleiben könnte – in kurzer Zeit fällt das Nettoumlaufvermögen also wieder unter den Kaufpreis.
  • bevorstehende Kapitalerhöhung: Kein gutes Zeichen, wenn eine Firma in Problemen den Kapitalmarkt anzapfen muss. Das heißt nämlich, dass man nicht so einfach auf das Umlaufvermögen zugreifen kann. Außerdem spiegelt der Kurs dann meist nur die anstehende Verwässerung wieder, und die Bewertung nach der Kapitalerhöhung ist unattraktiv.
    Als aktiver Investor kann man aber natürlich auch die Effekte durchrechnen (falls die Gründe der KE plausibel sind) und schauen ob sich ein Einstieg vorher oder vielleicht eher nachher lohnt.
  • hohe Cash-Burnrate: Wenn Unternehmen im operativen Geschäft einen stark negativen Cashflow haben, wird das Nettoumlaufvermögen schnell unter den aktuellen Aktienkurs fallen. Sofern nicht eine Besserung klar absehbar und sicher ist, sollte man sicherstellen dass auch in einigen Jahren bei der aktuellen Rate das Netto-Vermögen höher als der aktuelle Aktienkurs ist.
  • Tote Branche: Ist das Unternehmen ein CD-Presswerk? Stellt es Telefonzellen her? Verkauft Atomstrom wo die Politik das nicht will? Wenn hier nicht die Liquidierung schon im Gang ist und der Erlös absehbar, besteht hohes Risiko dass die Geschäftsleitung versucht sich zu retten indem sie das ganze vorhandene Geld verbraucht. Umsatzwachstum und Gewinne sind aus dem aktuellen Geschäft aber ohnehin nicht zu erwarten.
  • Hohe Schulden: Schulden erhöhen das Risiko von Verlusten enorm und sollten daher so gering wie möglich sein. Idealerweise bestehen keine oder fast keine Schulden bei Banken und die liquiden Mittel sind umso höher.

Kurzum: Die Werte, die man geschätzt hat, sollten tatsächlich werthaltig sein. Es bringt nicht wenn man ein Unternehmen kauft, das kontinuierlich Geld verbrennt. Wenn es dagegen positiven oder neutralen Cashflow hat, wird der Wert der Aktie tendenziell zunehmen. Die Frage muss sein, wie viel ein perfekt ausgestatteter Investor (kann auch ein Konkurrent sein der Synergien sieht) aus einer Liquidierung oder Fortführung eines verbesserten Geschäftes herausholen kann.

Verkauf

Im Gegensatz zum Buy-and-Hold, wo man versucht möglichst gute Unternehmen zu kaufen und dann von ihren Gewinnen zu profitieren, gilt es hier Gewinne relativ schnell mitzunehmen. Eine dauerhafte Verbesserung auf 20% EK-Rendite ist sehr selten zu erwarten – wenn also jemand die Firma für den errechneten fairen Wert haben will verkauft man sofort. Hat man, wie Graham empfahl, zu unter 66% des Wertes gekauft, macht man beim Verkauf schon mindestens 50% Gewinn. Manchmal muss man vielleicht warten – aber selbst wenn man 2 Jahre bis zum Verkaufspunkt braucht, hat man noch eine annualisierte Rendite von über 20%!

externe Verweise

Es gibt etliche Quellen im Internet, gerade auch Blogger, die sich mit dieser Strategie auseinandersetzen und immer wieder interessante Ideen finden. Bargain-Magazine hat wie der Name schon sagt einen starken Fokus auf solche Aktien, und Daniel hat wohl oft auch mehr Mut als ich (z.B. bei MeVis, die ich bei 14 € noch etwas zu teuer fand da die Cashflows erst in zwei Jahren die Bewertung gedeckt hätten (steht inzwischen bei über 22) oder bei Vianini Lavori, die ich wegen fehlender Kenntnis der Lage in Italien zwar interessant fand, aber dann doch ausgelassen habe).
In englischen Blogs würde ich folgende Artikel zum Thema empfehlen:
Oddballstocks Net-Net Guide oder Oldschoolvalues 3 Quickchecks und die Net-Net Checklist , von denen dieser Artikel auch teilweise inspiriert ist – aber es gibt noch viele mehr. Wichtig ist auch hier natürlich: selber suchen, und hohe Ansprüche an die Qualität stellen! Wenn alle von einer Aktie wissen, ist sie vermutlich schon wieder ein Stück zu teuer oder sie ist zu Recht so billig. Eventuell könnte Griechenland bald ein paar Bilanzschnäppchen bieten, vielleicht auch Russland und die Ukraine (wobei ich nicht weiß wo ich da an gute Informationen komme und wie die Rechtslage ist).

Ich bereite auch schon einen Artikel über eine interessante Aktie vor – aber nicht aus diesen Krisengebieten. 😉 Denn abgesehen davon, dass Bankguthaben in Griechenland kaum als 100% werthaltiges Vermögen angesetzt werden können, weiß man nie was einer radikal-linken Regierung noch alles einfallen könnte wenn sie an Geld kommen muss.

Bis dahin!

12 Gedanken zu „Bilanz-Schnäppchen bei Aktien – eine fast sichere Sache

    1. ありがとうございました – 私は日本が好き ! ^.^
      Vielen Dank für den Hinweis, der Blog wird direkt mal abgespeichert! Ich mag Japan sehr (das Titelbild des Blogs ist immerhin die Tokyoter Skyline, die ich vor 2 Jahren aus der Meiji-Uni aufgenommen hab) und kann sogar ein klein wenig japanisch, was das umso interessanter macht.
      Vielleicht stell ich dann auch mal eine japanische Aktie vor wenn ich eine entdecke, ich hatte nur bisher eher die Befürchtung dass Japan durch die Abenomics und jahrelang niedrige Inflation bei Aktien etwas teuer sein könnte… Und meine “Stichproben” von großen japanischen Konzernen waren bisher eher so, dass sie mir auf den ersten Blick recht teuer aussahen.

      1. Bei Japan ist das so eine Sache. Es gibt/gab schon da und dort auf den ersten Blick sehr billige Aktien. Nintendo und Japan Petroleum Exploration waren bzw sind solche Beispiele. Das Problem bei vielen Japanern ist allerdings, dass sie sehr viele unglaublich aufgeblähte japanische Schuldtitel als Assets halten (wenn die Zinsen dort mal steigen, ist der Buchwert hier Makulatur) und auch die Orientierung am Shareholder Value scheint nicht so stark ausgeprägt zu sein.

        1. Also ich habe mich noch nicht so wirklich da eingelesen, aber der oben genannte Blog bestätigt zumindest klar die fehlende Shareholder-Value-Orientierung. Und ohne die kann ein Net-Net auch 20 Jahre unterbewertet bleiben. Der schreibt aber auch dass wohl die Bilanzierungsregeln recht streng seien, deshalb würde es mich wundern wenn die überteuerte Anleihen zum Marktwert statt Buchwert in den Büchern haben, aber in Bilanzierung anderer Länder muss man sich bei Auslandsinvestitionen wohl ohnehin ein wenig einarbeiten… Zum Beispiel wird da eine Firma analysiert, die (im Gegensatz zu westlichen Firmen der letzten 50 Jahre) ihre Gewinne nicht künstlich HOCHrechnet sondern nach UNTEN. Und da steht auch, dass es keine wirkliche Übernahmekultur gibt und so gut wie keine aktivistischen Investoren. Von solchen aus dem Ausland wiederum lassen sich die japanischen Chefs nichts sagen, und wegen Kreuzbeteiligungen müssen sie das in der Regel auch nicht. Trotzdem – wenn da ein Wandel stattfindet, und scheinbar geht der Trend zumindest zu stärkeren Kapitalrückflüssen an die Aktionäre, dann ist das sicher nicht schlecht.
          Zumal man bedenken muss, dass Japan ein extrem hoch entwickeltes, politisch und gesellschaftlich sehr stabiles Land ist, Gefahren wie in de meisten Schwellenländern oder aktuell sogar Griechenland und Osteuropa gibt es kaum. Ich werd es mir bei gelegenheit mal sehr gut anschauen 🙂

          1. Es freut mich das mein Blog hier auf interesse stösst.

            Ich möchte aber einige Dinge klar stellen, da es mir erscheint das es einige Missverständnisse gibt.

            “der oben genannte Blog bestätigt zumindest klar die fehlende Shareholder-Value-Orientierung.”

            Diese Urteil ist zu Pauschal und ich hatte gehofft das mein blog die Nuancen des Japanischen Aktienmarktes (der immerhin der drittgrösste der Welt ist) aufzeigt. Vor allem NTT sticht hier positiv hinaus. Jährliche Divdenden Erhöhung und vor allem ein klar kommuniziertes und rigoros umgesetztes Aktienrückkaufprogramm.
            NTT kauft aggressiv Aktien zurück zu extrem vorteilhaften Preisen.

            Am anderen Ende des Spektrums hat man Aktien wie Kawasumi Laboratories. Die Firma generiert stabilen hohen FCF. Die Aktionäre haben aber leider nichts davon, da der Kassenbestand Jahr für Jahr steigt, aber die Ausschüttung nicht erhöht wird. Eine poison pill und Grossaktionäre tuen ihr übriges um jeglichen Druck von Vorstand und AR zu nehmen bzgl. einer adequaten Auszahlungspolitik.
            Jedoch war der Enterprise Value des Unternehmens stark negativ als ich die Aktie auf meinem Blog erwähnte, d.h die vorgenannten probleme der Unternehmensführung waren mehr als eingepreist.

            Zwischen diesen zwei extrem Spektren finden sich eine Vielzahl von Unternehmen die eine ordentliche Unternehmensführung vorweisen und attraktiv bewertet sind. Das ist aber auch kein Wunder bei ca. 3500 Börsengelisteten Unternehmen.

            “Der schreibt aber auch dass wohl die Bilanzierungsregeln recht streng seien, deshalb würde es mich wundern wenn die überteuerte Anleihen zum Marktwert statt Buchwert in den Büchern haben”

            Korrekt! Japanische Bilanzierungspraktiken sind häufig extrem Konservativ. Aber auch nicht immer wie der fall von Toshiba uns gerade schmerzlich vor Augen führt. Immer schön die Bilanzierungsannahmen und Fussnoten lesen! Auch hier bitte nicht verallgemeinern!

            ” Und da steht auch, dass es keine wirkliche Übernahmekultur gibt ”

            Auch das ist leider nur halbrichtig. Es gibt M&A in Japan, aber kaum feindliche. Mergers of equal gibt es einige, und diese sind, im Gegensatz von unzähligen feindlichen Übernahmen im Angelsächsichen Raum, meistens auch (langfristig) erfolgreich. Ein neueres Beispiel wäre Nippon Steel Sumitomo. Ältere Beispiele wären z.B der Zusammenschluss von Namco und Bandai.

            “Und da steht auch, dass es (…) so gut wie keine aktivistischen Investoren. ”

            Auch nur halbrichtig. Es gibt aktivistische Investoren in Japan. Jedoch gibt es kaum unfreundliche Aktivitäten (proxy fights). Koopertative Aktivisten gibt es schon und die sind sogar sehr erfolgreich. Bloss hängen diese Aktivisten ihre Aktionen nicht an die grosse Glocke, wie Carl Icahn das gewöhnlich tut. Zur jungen Geschichte des Sharholder activism in Japan habe ich eine Serie geschrieben.

            http://undervaluedjapan.blogspot.de/2014/06/the-little-post-about-shareholder.html

            “Die fehlende Shareholder -Value Orientierung im angelsächsischen Sinne muß erstens kein Nachteil sein und zweitens ist hier viel in Bewegung gekommen, Stichwort: Abenomics und Arbeitsmarkt. Die Unternehmen müssen etwas tun, um am Ball und attraktiv zu bleiben.”

            Das hat Covacoro sehr schön auf den Punkt gebracht. Ich bin sehr skeptisch das der angelsächsische shareholder value Ansatz nachhaltige Werte schafft.

            Und das Daniel Loeb von Third Point von Shinzo Abe angeblich zu einem Gespräch eingeladen wurde ist auch mehr als beeindruckend.

          2. Hey O-Tone – sehr vielen Dank auch für deine ausführliche Antwort (und sowieso für deinen Blog). Ich habe mich wie geschrieben bisher noch nicht so intensv mit Japan beschäftigt, umso wichtiger dass du mich da auf Missverständnisse gleich hinweist. Mir ist natürlich klar dass man nicht alles über nur einen Kamm scheren kann, aber man ist ja oft schon versucht zu verallgemeinern und in Schubladen zu stecken…

            Ich habe mir inzwischen mal die Seite der Börse Tokyo angeschaut, offenbar steigt die Zahl der gelisteten Firmen stetig, und bei den Delistings ist der bei weitem häufigste Grund Fusion/Übernahme. Das spricht auch sehr für ein funktionierendes Kapitalmarktumfeld.

            Was die Politik angeht, vermute ich dass Abe die Wirtschaft unter anderem dadurch ankurbeln will, dass er die Finanzmärkte in Schwung bringt. Vermutlich will er dann auch ausländische Direktinvestitionen fördern, was für ihn wohl eine zusätzliche Öffnung in Richtung westlicher Corporate Governance einschließt. Es gibt ja Stewardship Code und Corporate Governance Code, und beide sind glaube ich noch nicht so alt.

            Mich erinnert vieles zunehmend an das, was man mal von der alten “Deutschland AG” in den 90ern gehört hat: Verflechtungen zwischen Unternehmen über Kreuzbeteiligungen, Geschäftsbeziehungen die stark auf langfristigem Vertrauen aufbauen und entsprechend lang anhaltend sind, Verquickung zwischen Finanzinstituten und anderen Unternehmen. (Wahrscheinlich auch nicht immer und in jedem Bereich, aber wohl recht verbreitet). Auch in Deutschland hat das ja durchaus irgendwie funktioniert, so dass ich das bezüglich Corporate Governance auch nicht so problematisch sehe. Gerade das zusätzliche Vertrauen zwischen Geschäftspartnern kommt im angelsächsischen Modell denke ich zu kurz.
            Ich weiß auch, dass in Japan Geschäfte und geschäftliche Absprachen oft beim “nomikai” (wörtlich Trinktreffen), also bei einem gemeinsamen Abend in der Kneipe entstehen. Das fördert natürlich eine Wirtschaft die stärker auf persönlichen Kontakten und Verflechtungen beruht.
            Geauso ist Loyalität sehr wichtig, weshalb Arbeitnehmer nicht so schnell die Firma wechseln und Angestellte nicht so schnell gefeuert werden. Meiner Meinung nach dürfte das ein wichtiger Punkt sein, der zur recht niedrigen Inflation zumindest beiträgt.

            Dass es zwar Übernahmen und Aktivismus gibt, aber nur “freundlicher Art”, passt auch ziemlich gut zu Japan. In der Kultur ist es ja extrem wichtig, nicht das Gesicht zu verlieren – und dementsprechend beleidigend den Gegenüber das Gesicht verlieren zu lassen indem man ihn mit einer feindlichen Aktion bloß stellt. Wenn man zum Beispiel eingeladen wird, aber die Einladung ausschlagen will sagt man im japanischen nicht “Tut mir leid, ich habe keine Zeit” oder so, sondern “Hmm, warte, ist ein bisschen… kannst du mich nächstes Mal bitte fragen?”. Also bloß nicht direkt ablehnen, das dürfte einfach ein kulturelles Ding sein, was sicher nicht schnell geändert werden kann. Ich denke aber, dass eine “freundliche” Anfrage eines größeren Anteilseigners hinter den Kulissen entsprechend stärkeren Einfluss haben könnte als das bei uns der Fall ist, weil man öffentliche Auseinandersetzungen stärker scheut, oder was meinst du?

  1. Ich habe auch spontan an Japan gedacht und eher an Werte unterhalb des Nikkei225. Die fehlende Shareholder -Value Orientierung im angelsächsischen Sinne muß erstens kein Nachteil sein und zweitens ist hier viel in Bewegung gekommen, Stichwort: Abenomics und Arbeitsmarkt. Die Unternehmen müssen etwas tun, um am Ball und attraktiv zu bleiben.
    Der Artikel auf undervaluedjapan.blogspot.de ist da eine super Lesestoff und eher indirekte Eindrücke von einer Stippvisite dort findet ihr auch in einem Blogartikel von mir:
    http://www.covacoro.de/2015/07/04/beobachtungen-in-japan/

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