In welche Schublade(n) gehören meine Aktien?

Aktien kann man nach verschiedenen Gesichtspunkten einteilen: Größe, Streubesitz, Handelsvolumen und ähnliche technische Parameter können eine Rolle spielen (z.B. weil Fonds kaum in eine Aktie mit 10 Mio € Streubesitz investieren können). Auf der anderen Seite kann man die Aktien nach der Umsatzentwicklung in Growth-/Wachstumsaktien und den Rest einteilen. Oder man geht nach Branchen vor. oder. oder.. oder…

Als ich mich in letzter Zeit mit den von mir gehaltenen Aktien beschäftigt habe, ist mir folgendes aufgefallen: Sie lassen sich kaum in eine gemeinsame Kategorie pressen, aber schon in Gruppen einteilen, die sich nach den Gründen richten. Welche dieser Gruppen sich am meisten lohnen weiß ich nocht nicht, aber zur Überprüfung sollte man sie versuchen einzuteilen. Außerdem hilft die Einteilung nach dem Grund des Haltens dabei zu überprüfen ob man die Aktie überhaupt noch länger behalten sollte. Wie könnte man meine Aktien nun einteilen?

Net-Net-/Schnäppchenaktien

Aktien, die operativ eigentlich höchstens an der Null-Linie kratzen, dafür aber in der Bilanz einen ordentlichen Vermögensüberschuss haben – konkret sollte das verwertbare Vermögen abzüglich aller Verbindlichkeiten einen Wert klar über dem Börsenwert ergeben. Dafür gibt es fast zwangsläufig irgendwo einen Haken an der Sache – schlechtes Management, Verluste, schrumpfendes Geschäft und andere. Außerdem sind es fast immer sehr kleine und unbekannte Aktien (Als Ausnahme der jüngeren Vergangenheit fällt mir Nintendo (Artikel bei Bargain Magazine) ein, auch HTC ist inzwischen äußerst günstig zu haben. Mehr zu der Kategorie habe ich in diesem Artikel über Net-nets geschrieben 😉

Von meinem aktuellen Depot passt in diese Kategorie nur Balda hinein, alle anderen werden über ihrem Nettoumlaufvermögen gehandelt. Balda hingegen notiert sogar unterhalb des Netto-Geldvermögens! Diese war eine der besten Anlagekategorien von Value-Begründer Benjamin Graham. Das Konzept der Sicherheitsmarge ist hier besonders anschaulich, da man den Wert des Unternehmens (der ja bei vielen Firmen und bei DCF-Modellen extrem von geschätzten Parametern abhängt) aus der Bilanz heraus bestimmen kann. Und diese bilanziellen Werte sind verlässlich genug, dass man auch nicht so leicht in die Versuchung gerät zu früh zu verkaufen, nur weil der Kurs mal gefallen ist. (Abgesehen davon, dass er irgendwann nicht viel weiter fallen kann)

Besonderheit: Die Haltedauer ist NICHT für immer, sondern eigentlich nur solange bis der Kurs anspringt und das Unternehmen auf Bewertungen über dem fairen Bilanzwert treibt. Sobald das geschieht, sollte man verkaufen – denn dann gehört das Unternehmen zumindest nicht mehr in diese Kategorie. Risiken sind insbesondere schlechtes und aktionärsunfreundliches Management, teure Übernahmen um neues Wachstum zu generieren und mitunter ein Aufkauf/Squeeze-Out des Untenehmens unter dem fairen Wert.

Aktien mit Burggraben und hohen Margen/Qualitätsaktien

Diese Kategorie ist der typische Warren-Buffet-Style – man kaufe eine Aktie mit hohen Margen und großartigem Geschäftsmodell, das vor potentiellen Gefahren möglichst gut geschützt ist. Dieser Schutz oder “Burggraben” ermöglicht es, dass die Firma ihr Geschäft noch auf Jahre hinaus mindestens genauso profitabel betreiben kann, und darüber hinaus mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Lage ist die Gewinne ähnlich profitabel zu reinvestieren.

Besonders profitabel – und eben die Spezialität von Buffet – ist es, wenn man ein solches Unternehmen in einer vorübergehenden Krise günstig einsammeln kann, weil zum Beispiel ein kleinerer Skandal das Image beschädigt oder die Firma im Umbruch ist oder ähnliches.
Ein großer Vorteil dieser Unternehmen ist: Hier funktioniert Buy-and-Hold. Wenn die Kapitalrenditen gut sind, wächst der Unternehmenswert jedes Jahr mit überdurchschnittlichen Raten oder es können hohe Ausschüttungen ausgeteilt werden. Dadurch vor allem für Investoren mit wenig Aktivität und mit großen Anlagesummen interessant.

In meinem Depot würde ich IBM und Hypoport dazu zählen. IBM ist klar im Umbruch vom Hardwarehersteller hin zum Service- und Softwareanbieter. Dieser Wandel kostet Umsatz und auch Verlässlichkeit, er bringt aber hohe Margen und beständige Einnahmen. Die Kundenbeziehungen sind sehr langanhaltend, die Technologie ist in vielen Punkten führend udn bringt Synergien der verschiedenen Sparten. Dazu ist die Bewertung mit 140€/Aktie und damit einem KGV von um die 10 echt günstig, während die Kapitalrenditen gigantisch sind.

Hypoport dagegen ist vom breiten Markt noch nicht richtig entdeckt worden, startet aber seit dem letzten Jahr richtig mit dem Geldverdienen durch. Der Marktanteil der Europace-Plattform steigt seit Jahren und dürfte trotzdem noch unter einem drittel liegen. Mehr und mehr Banken schließen sich der Plattform an, was dieser einen immer stärker zunehmenden Wettbewerbsvorteil gegenüber potentiellen Angreifern bietet. Sobald die Plattform bei Vertrieben und Banken läuft, generiert sie aber im Prinzip von ganz alleine Gewinne – und ist kaum noch vom Wettbewerb zu ersetzen. Dazu ist die Firma sehr solide und mit einer guten Führung ausgestattet.

Nachholer/relativ zum Markt unterbewertete Aktien

Hier meine ich Aktien, die in Relation zum Gesamtmarkt deutliches Aufholpotential haben. Ich sehe hier vor allem kleinere, wenig beachtete Unternehmen, die an sich ein normal gutes und profitables Geschäft betreiben. Manchmal lassen sich dann aber Treiber für zukünftiges Umsatzwachstum ausmachen, die vom Markt so nicht erkannt werden, beziehungsweise erst später wenn die Zahlen da sind.

In diese Kategorie habe ich von meinen Analysen hier Müller Logistik, Steico und Polytec einzuordnen. Bei Polytec dürfte der Gewinn wieder auf über einen Euro je Aktie steigen, da operative Verbesserungen erzielt wurden und außerdem der Hebel mit einem günstigen Kredit und damit finanziertem Mietwegfall größer wurde. Zusätzlich konnte man eine günstige Übernahme durchführen und den Umsatz wieder auf 600 Mio steigern.

Bei Steico steigen seit längerem die Umsätze stark, während wegen des starken Wettbewerbs die Margen fallen und die Gewinne entsprechend kaum wachsen. Allerdings wird gerade mit Furnierschichtholz/Stegträgern ein zweites großes Standbein geschaffen. Die dafür errichtete Anlage ist die größte Investition der Firmengeschichte gewesen, und ich gehe davon aus dass sie sich – auch aufgrund der Modernität und Größe – gut rentieren wird und die Margen wieder steigen. Darüber hinaus gewinnt Steico mit aggressiven Preisen weiter Marktanteile (bleibt aber noch profitabel) und ich halte es nur für eine Frage der Zeit, wann die nächsten Wettbewerber aufgeben.

Bei Müller Logistik sehe ich nach dem Kursanstieg von in der Spitze 50% dieses Jahr (und immernoch über 30% aktuell) und nach den neuesten Zahlen mti schwacher Marge in Frage, ob sie noch hier reingehören. Der Umsatz steigt aber weiter stark, wenn die alten Umsatzmargen wieder einmal erreicht werden, dann wäre die Bewertung wieder sehr günstig.
Prinzipiell gilt hier ähnlich wie bei Net-Nets: wenn der Faire Wert erreicht ist, kann man nicht dauerhaft erhöhte Margen erwarten und sollte einen Verkauf zumindest erwägen.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob sich diese Kategorie langfristig so gut schlägt, wie ich es vermute oder erhoffe. Zumindest sind die drei Unternehmen, die ich hier reinstecken würde, günstig bewertet bezüglich der meisten Multiplikatoren und haben zusätzliches Potential. Auf die günstige Bewertung würde ich hier auf keine Fall verzichten, denn es könnte immer auch zu Problemen kommen. Wie ich ausgeführt habe, müssen es keine herausragend guten Unternehmen sein, deshalb kann es eine Menge Risiken geben.

Firmen, die wegen besserer Führung/Aufstellung die Konkurrenz klar schlagen

Hier würde ich Sixt ganz klar dazuzählen, auch Hornbach auf meiner Watchlist gehörte sicherlich in diese Kategorie – und noch einige andere. Der Grund ist: Unternehmen sind im wesentlichen keine Maschinen. Es sind Gruppen von Menschen, die gemeinsam Geld verdienen. Diese sind dabei unterschiedlich gut, und da macht es Sinn, immer auf die besten zu setzen. Sixt ist ein Paradebeispiel: Seit Jahren wesentlich profitabler als die Konkurrenz in Europa (vor allem Europcar und Avis/Budget), mit entsprechenden Marktanteilsgewinnen in Europa und inzwischen sogar erfolgreicher Expansion in die USA. Dabei sind bei Europcar und Avis die Kapitalpolster inzwischen so klein, dass Europcar sich Geld an der Börse beschaffen musste und Avis seit Jahren keine Dividenden zahlen kann – während ich auf über 3% Dividende bei Sixt komme…

Eine ähnliche Geschichte könnte man bei Hornbach gegen Praktiker, oder Rossmann gegen Schlecker erzählen.

Turnarounds

Eine sehr komplizierte Kategorie, die mit Glück sehr lukrativ sein kann. Man suche Unternehmen, die kurz vor dem Ruin stehen und entsprechend billig sind. Wer die nötige Expertise hat und einschätzen kann, dass es bald wieder aufwärts geht und die Gewinne neu sprudeln, der bekommt die Firma zum Spottpreis und kann sie später für gutes Geld vekaufen. Wegen der hohen Gefahr von Pleiten oder von erneuten Rückschlägen meide ich das eher. Als Kandidaten würden mir hier Zapf Creation, Berentzen oder Schumag einfallen, die zumindest Licht am Tunnelende erblicken lassen.

Auch hier denke ich, dass ein zu langes halten über den fairen Wert hinaus nicht besonders gut ist. Erfahrung, wie man diese Kategorie managt habe ich ebenfalls keine, es ist auf jeden Fall die für Einsteiger am allerwenigsten geeignete!

Dividendenaristokraten

Aktien, die seit Jahrzehnten stabile oder besser klar steigende Dividenden zahlen. Die Idee ist einfach: erhöht ein Unternehmen regelmäßig die Dividenden (und kann es die auch wirklich aus Gewinnen finanzieren), so eignen sich die Aktien gut um ein passives Einkommen aufzubauen. Zu diesem Thema gibt es etliche größere Blogs auch in Deutschland, die sich damit beschäftigen und man sich mal anschauen kann, z.B nur einige hier: Dividendensammler, armer Charlie, Rente mit Dividende, Finanz. Freiheit mit Dividende, Dividendenhamster, Dividendencashflow…

Oft sind diese Aktien im Moment für meinen Geschmack zu teuer, auch wenn es sich meistens um sehr gute Unternehmen handelt, die man auch unter “Burggraben und hohe Margen”  verbuchen könnte. Wem die Verlässlichkeit aber am wichtigsten ist und wer tatsächlich einen langen Atem hat und das ganze als Anleiheersatz sieht, der kann mti solchen Aktien sicher glücklich werden. Zumal: Auch für passive und wenig informierte Anleger sind die Aktien einigermaßen geeignet. Das Leserinteresse an den Blogs scheint jedenfalls höher als bei Value-Investing zu sein^^

Meine IBM würde hier übrigens auch unbedingt hineingehören – sie weist eine der beeindruckendsten Dividendenhistorien auf, und aktuell eine Rendite von über 3%!

Antizyklische Chancen

Hier gehören Unternehmen hinein, die nicht aus eigenem Verschulden wenig verdienen, sondern weil die gesamte Branche Probleme hat. Wenn die Branche in den nächsten Aufschwung kommt und die Gewinne wieder steigen, dann kann der Aktienkurs durch die Decke gehen, weil die Börse das dann enstehende Wachstum mit höheren Multiplikatoren belohnt.

Die Gefahr ist, dass man beim beginnenden Abschwung bereits kauft und danach 5 Jahre auf Verlusten sitzt bis sich die Branche weit genug konsolidiert hat. Aktuell halte ich die Bankenlandschaft in Europa für solch einen Fall, der seit der Finanzkrise mit Problemen kämpft und noch häufig weit unter Buchwert gehandelt wird. Banken an sich haben zum Teil auch strukturelle Probleme, aber das prinzipielle Geschäftsmodell ist weiter intakt (egal was kommt, irgendjemand muss die Kapitalallokation verwalten). Manche halten auch die Ölbranche bereits jetzt für einen interessanten Fall (Gruß an Bargain-Magazine, wo gerade Öl hoch im Kurs steht und Schöller-Bleckmann analysiert wird 😉 ). Ich selber bleibe in diesem Fall aber lieber abwartend, denn meine bisherige Erfahrung zeigt, dass es immer noch ein Stück länger und tiefer abwärts gehen kann. Mein Timing ist ohnehin schlecht, also warte ich da lieber ab – im Aufschwung bleibt normalerweise genug Zeit wieder einzusteigen…

Fazit

Ich denke, es ist immer gut, sich Gedanken um eine systematische Ordnung und Einteilung seiner Aktien zu machen. Aus der Einteilung nach Besitzgründen kann man eine Menge lernen, und insbesondere sich daran erinnern warum man die Aktie überhaupt hatte. Auch glaube ich, dass es unterschiedlich erfolgversprechende Kategorien gibt. Von Net-Net-Aktien bin ich außerordentlich überzeugt, genauso von Qualitätsaktien oder Dividendenaristokraten, die nicht zu hoch bewertet sind (was inzwischen selten ist meiner Meinung nach). Über die Banken als antizyklische Chance könnte ich nochmal nachdenken. Mmeine eigentliche Hoffnung dass eine baldige Zinswende ihre Zinsüberschüsse wieder steigen lässt, hat sich bisher nicht erfüllt. Genauso stelle ich mir die Frage, wo ich bei meinen “Nachholern” den Verkaufspunkt ansetzen soll. Bei Müller gab es ja vor kurzem Kurse von 7,50€ – mehr als 50% Prozent Gewinn seit Jahresbeginn – bei denen ein Ausstieg möglicherweise zwangsläufig richtig gewesen wäre.

Übrigens fällt mir noch etwas auf: IVU und Bavaria Industries habe ich hier keiner Kategorie spontan zugeordnet. IVU passt meiner Meinung zwar teilweise in die Kategorie günstige Qualitätsaktie, und Bavaria ist nicht zu weit von Net-Net entfernt. Irgendwo finde ich sie da aber nicht wirklich voll passend. Letztlich muss man also sehen, diese Schemen nicht zu starr anzuwenden.

Was meint ihr? Hab ich noch was vergessen?

2 Gedanken zu „In welche Schublade(n) gehören meine Aktien?

  1. Schöne Zusammenstellung bzw. Aufteilung. Ich halte es für sehr sinnvoll, Aktien vor der Analyse bereits in Aktienkategorien einzuteilen, weil man hierdurch bereits seine Erwartungshaltung an das Unternehmen definiert und damit auch die relative Bewertung zu anderen Branchen und/oder den Unternehmen aus der Peergroup.

    Peter Lynch, der erfolgreichste Fondsmanager der 1980er Jahre (Fidelity’s Flagschiff, der “Magellan-Fonds”), hatte in seinem Buch “Der Börse einen Schritt voraus” ebenfalls die Einteilung in Aktienkategorien vorgeschlagen:

    1. Wachstumsschwache Aktien
    2. Stetige Aktien
    3. Wachstumsstarke Aktien
    4. Zyklische Aktien
    5. Turnaround-Aktien
    6. Substanz-Spekulation

    Ich habe das in diesem Artikel mal genauer dargestellt und erläutert.

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