Wenn mein Depot ein konsolidiertes Unternehmen wäre

Wie ich schon oft erklärt habe, halte ich das langfristig ausgerichtete, auf den fundamentalen Wert eines Unternehmens blickende Investieren für das einzig vernünftige und intelligente Investieren. Andere Strategien (zum Beispiel Market Making, wozu ich auch Hochfrequenzhandel zähle und zum Teil charttechnisches Trading) funktionieren sicher auch, aber müssen anders klassifiziert werden.

In der Praxis schaut man dann aber doch viel zu häufig auf die Kursänderungen und kurzfristige Börsenbewertungen.

Reporting bestimmt Sichtweise, Sichtweise bestimmt Handlungen

Um die Perspektive gerade zu rücken habe ich daher vor drei Jahren entschieden, dass ich mein Depot anders betrachten will. Nämlich so als ob es ein einziges Unternehmen wäre mit Geschäftsbereichen die jeweils ihren Gewinnanteil (Anzahl Aktien mal Ergebnis pro Aktie) beitragen.

Der Vorteil davon: Man schaut wieder mehr auf das Wesentliche und ich bemerke bei mir wie ich in Bezug auf meine Aktien eine längerfristige Haltung einnehme. Ich achte dann stärker auf Entwicklungen, die sich womöglich erst in einigen Jahren in den Gewinnen niederschlagen, darauf wie das Unternehmen geführt werden und sich im Vergleich zu ihren Konkurrenten entwickeln. Zusammengefasst: Ich denke mehr wie ein Unternehmer der tatsächlich längerfristig investiert als wie ein Händler der versucht schnellstmöglich seine Papiere an den nächsten zu reichen.

Meiner Meinung nach sollte jeder, der sich nicht als Trader sondern langfristigen Investor sieht, eher sagen können wie viel Gewinn und Cashflow seine Unternehmsanteile in den letzten drei Jahren gemacht haben als was der aktuelle Wiederverkaufspreis der Aktien ist.
Das ist leider etwas aufwendig, aber nicht wirklich schwer: Man muss sich nur einmal eine Excel-Tabelle mit den eigenen Aktien aufstellen und Kennzahlen wie Gewinn/Aktie, Cashflow/Aktie, Buchwert/Aktie eintragen. Bei jedem Kauf kann man diese Tabelle dann hervorholen, die Werte der neuen Aktien dort ebenfalls eintragen, andere Werte aktualisieren und sich über seine Gewinne freuen. Gleichzeitig sieht man besser ob der neue Kauf wirklich die Gesamtsituation merklich verbessert oder man besser in eine bisherige Position aufstocken sollte.

Konkret: Mein Wikifolio als Beispiel

Natürlich zwinge ich mich mit diesem Post dazu selbst meine Tabelle zu aktualisieren, was ich zugegebenermaßen zuletzt vernachlässigt hatte. Weil mein Wikifolio ohnehin das Musterdepot darstellen soll (leider sind dort allerdings einige meiner Aktien nicht handelbar) nehme ich dieses für die Beispielrechnung. Im letzten Jahr habe ich mein Wikifolio ebenfalls so betrachtet und bin auf folgende Werte gekommen: mein Wikifolio hat (von 100.000€ Startkapital ausgehend) einen virtuellen Gewinn von 10.700€ (mit Kleinpositionen etwas mehr) und einen Buchwert von 103.000€ erreicht. Nun ja, beim Buchwert hatte ich zugegebenermaßen Positionen mit sehr geringer Größe zum Marktwert berechnet, realistischerweise sind es also eher 95.000€ gewesen.

Wie sieht die Situation nun nach einem weiteren Jahr heute aus? Da ich das Ziel eines langfristigen Wachstums meines Kapitals von mindestens 10% gesetzt habe, sollte der Gewinn auf über 12.000 und der Buchwert auf deutlich über 100.000€ gestiegen sein.

Hier die Tabelle:

Firma

Anzahl im Wikifolio

Buchwert pro Aktie 2017

Gewinn pro Aktie 2017

BW 2017

Gewinn 2017

Aareal Bank

550

48,82

3,2

26851

1760

Bank Rakyat Indonesia

6000

0,082

0,014

492

84

BMW

50

82,3

13,12

4115

656

Hypoport

150

13,33

3,1

1999,5

465

Polytec

1700

9,59

1,74

16303

2958

Sixt

330

22,56

4,09

7444,8

1349,7

Wizz Air

530

9,86

2,18

5225,8

1155,4

Distribution NOW

1800

9,58

-0,22

17244

-396

Sawai Pharmaceuticals

550

32,37

2,81

17803,5

1545,5

Admiral Group

1000

2,58

1,32

2580

1320

Beta Systems Software

700

10,25

1,51

7175

1057

Berkshire

40

183,5

14

7340

560

Renault

100

113,1

18,87

11310

1887

MRC Global

200

7,14

0,35

1428

70

sonstige

14011

    

Cash

7000€

    
 

Summe Aktienpositionen

   

127311,6

14471,6

Summe

   

134311,6€

 

14471,6€

TADAAA! Ich habe es geschafft den zugrundeliegenden Buchwert auf 134.000€ und den Gewinn auf knapp 14.500€ zu steigern! Das entspricht einer zugrundeliegenden Buchwertsteigerung von 40% und Gewinnsteigerung von 35% in einem Jahr. Dementsprechend kann ich zufrieden sein und sagen, dass ich mein Ziel von mehr als 10% Rendite klar übertroffen habe.

Wie gesagt hatte ich meine Tabelle etwas vernachlässigt und bin daher umso erfreuter, dass die Entwicklung so gut war. Mit NOW habe ich immerhin einen Turnaround-Kandidaten hoch gewichtet, der im letzten Jahr Verluste geschrieben hat, und mit Admiral ein Unternehmen mit sehr geringem Buchwert. Außerdem hat mein Wikifolio seit November nicht mehr im Preis zugelegt – wie die Analyse der zugrundeliegenden Daten zeigt aber durchaus im Wert!

Zum aktuellen Marktwert des Wikifolios von inzwischen schon virtuellen 217.000€ ergäben sich damit im Durchschnitt ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,6. Das ist sogar leicht unter dem Niveau von vor einem Jahr, denn die Multipel-Ausweitung wurde durch Verkäufe teurer gewordener Unternehmensanteile wie IVU und Steico kompensiert.

Fazit

Ich hätte ehrlich gesagt geringere Steigerungen von um die 20% erwartet, bin aber natürlich sehr erfreut über mein Ergebnis. Mir zeigt die Analyse wieder einmal, dass das schauen auf den Preis der Wertpapiere die falschen Informationen vermittelt.

Ausblick

Die Gewinnentwicklung der bestehenden Portfoliounternehmen könnte in diesem Jahr ein wenig schwächer werden als im letzten. Ich erwarte größere Sprünge von Sixt, Admiral, Wizz Air und NOW, aber schwächere Gewinne bei Beta Systems und Renault durch den Wegfall von Sondereffekten. Möglicherweise wird auch Polytec in ihrer Abhängigkeit von den Stückzahlen der Autoindustrie, Sawai durch die aktuellste Preissenkungsrunde in Japan oder die Aareal Bank einen gewissen Gewinnrückgang erleiden. Dennoch sehe ich die Titel als günstig genug an um sie weiterhin zu halten.

Und natürlich nehme ich mir wieder vor, ab sofort die Tabelle regelmäßig zu pflegen und zu aktualisieren sobald ich Aktien kaufe oder verkaufe. Wie sieht es bei euch aus? Wisst ihr was eure Unternehmensanteile im letzten Jahr für euch verdient haben?

2 Gedanken zu „Wenn mein Depot ein konsolidiertes Unternehmen wäre

  1. Hallo,

    an sich finde ich die Idee sehr gut, da so Mr. Market ausgeklammert wird!
    Man müsste aber bei deiner Betrachtung auch berücksichtigen, wieviel Cash du zusätzlich investiert hast, andernfalls kann man ja durch reine Zukäufe den Gewinn erhöhen oder habe ich da etwas missverstanden?

    Grüße

    1. Für das Wikifolio ist es ja so dass man mit virtuellen 100.000 € startet und dann nur die Gebühren abgehen. Für das private Depot hast du recht so weit man damit seine Performance messen will.

      Auf der anderen Seite will ich in meinem privaten Depot ja auch einen Anreiz für mich zum Sparen haben. Wenn man da Wachstumsraten berechnet sollte man also durchaus seine Einzahlungen abziehen. Wenn ich einfach sehen will dass meine Rücklagen mir einen 3000€ – Urlaub im Jahr “einbringen” oder x Monatsmieten – um mich zu motivieren weiter zu investieren und den Mr Market zu Schweigen zu bringen dann kann man die Einzahlungen ignorieren. Am Ende ist wahrscheinlich gut beides zu machen – schauen wie die Entwicklung mit Einzahlungen und ohne Einzahlungen gewesen ist/wäre.

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